Stilvorbilder -was wir tragen, was wir sind #3

Nico von Art und Stil fragt uns in der dritten Runde Ihrer spannenden Blogaktion Fragen Thema Stilvorbilder.

Wer die ersten beiden Runden verpasst hat, kann hier zum Thema Stilprägung und hier zum Thema Stilphilosophie unsere Gedanken nachlesen, bei Nico gibt es dann dazu hier und hier noch jede Menge andere spannende Sichtweisen, viel Spaß beim Stöbern.

 

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Was bewunderst du an der Art, wie andere Frauen auftreten?

Bewundern ist denke ich etwas hoch gegriffen, aber ich finde es super, wenn man Frauen ansieht, dass sie „mit sich im Reinen“ sind und eine unaufdringliche Souveränität ausstrahlen, wahrscheinlich, weil mir das manchmal abgeht und ich mir gerne mal „tapsig“ und dadurch verunsichert vorkomme. Ich arbeite daran.

Toll finde ich zum Beispiel auch Frauen wie Beth Ditto, die nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, sich aber keineswegs davon beirren lassen, ihren eigenen Weg gehen und tragen, was ihnen gefällt.

Nico erwähnte bereits Michelle Obama, die in Ihrer Funktion als First Lady nicht nur stets gut gekleidet war, sondern diesem Amt eine ganz andere Tragweite verlieh, indem sie nicht nur als Modepüppchen neben dem Präsidenten her tippelte und stattdessen viel Kluges zu sagen hatte, für Ihre Haltung einstand und damit eine positive Vorbildfunktion einnahm. Ähnlich wie Meryl Streep sollte man seine Popularität dazu nutzen, die Menschen daran zu erinnern, was menschenwürdig ist und was einfach gar nicht geht.

 

Viele Leute sagen, sie wollen sich «wohl fühlen», oder sie bewundern Menschen, die »selbstbewusst» wirken. Was bedeutet das für dich?

Sich „Wohlfühlen“ hat für mich etwas mit dem oben genannten  „mit sich im Reinen sein“ zu tun. Wenn ich ein Problem mit mir selbst habe, strahle ich das auch nach außen aus und dann fehlt einfach dieses gewisse Leuchten.

Wenn man Kleidung trägt, in der man sich „nicht zu Hause fühlt“ wird man automatisch unsicher und interpretiert Reaktionen seiner Mitmenschen dadurch falsch.

Over- oder underdressed sein ist denke ich ein klassischer Fall,  bei dem man sich nicht wirklich in seiner zweiten Haut wohl fühlt. Wobei Over- oder Underdressed auch relativ ist, wie ich finde. Hier hat das Wohlfühlen sehr viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Für manche Menschen sind gelbe Schuhe im Büro schon einen Aufreger wert, für andere geht damit der individuelle Stil erst los. Wer meint, sich mittags im Cocktailkleid in die Kantine setzen zu müssen braucht dazu eben nur die nötige Portion Selbstbewusstsein, die anderen in ihren Rautenpullovern sind dann nämlich ganz einfach underdressed.

Ich habe mir in den letzten Jahren das ein oder andere Kleidungsstück genäht, das manchmal ganz unerwartet zum perfekten Wohlfühl-Outfit wurde, man fühlt sich darin warum auch immer näher an sich selbst und strahlt dieses Gefühl dann automatisch nach aussen. Wenn ich einen schwierigen Tag vor mir habe, ziehe ich genau so ein „Wonder-Woman-Teil“ aus dem Schrank, weil ich genau weiß, dass ich darin nicht vom Wesentlichen abgelenkt werde und ganz ich bin. Nähen ist wie zaubern können!

 

Fallen dir Frauen auf Straße auf? Falls ja, welche Art von Frauen ziehen deine Aufmerksamkeit auf sich?

In einer Kleinststadt unweit einer Kleinstadt gibt es leider nicht allzu oft die Gelegenheit, mich nochmal umzudrehen, weil ich jemanden besonders herausstechend finde. Ich weiß noch, wie sprunghaft sich diese Frequenz bei unserem Besuch letztes Jahr in Berlin geändert hat. Diese Fülle an Individualisten war für uns Landeier großartig!

Aber auch hier in der Provinz passiert es doch ab und an, dass mir jemand mit dem „gewissen Etwas“ vor die Füße läuft, der sich wohltuend aus dem Einheitsbrei hervorhebt. Das müssen noch nicht mal ausnehmend schöne Menschen sein (die finde ich eher langweilig), sondern welche, die durch eine für mich im Gesamtbild stimmige Erscheinung (Kleidung UND Ausstrahlung) auffallen. Das kann ein Herr mit Charakterbrille in einem gut geschnitten Anzug mit einem schicken Hut und freundlichem Lächeln oder auch eine Frau jeden Alters in ungewöhnlicher Farbzusammenstellung und sorgsam ausgewählten Accessoires sein.

Ein tolles Beispiel mit Umdrehfaktor ist übrigens unsere Nachbarin, eine ältere Dame um die 80, die immer noch sehr darauf bedacht ist, stets chic gekleidet mit Turbo-Dutt und knallroten Lippen zum Einkaufen zu gehen. Eine Wohltat gegenüber all den beigen dauerbewellten restlichen Rentnern in unserer Straße. Danke Hiltrud!

Ich mag gerne Menschen, die sich vintageinspiriert kleiden, die sehe ich hier leider viel zu selten bis gar nicht, aber dafür gibt es zum Trost ja Instagram.

Als passionierte Brillenträgerin achte bei anderen auch sehr darauf, was eine Brille mit einem Gesicht anstellen kann und freue mich immer sehr über Menschen mit schönen ausdrucksstarken Gestellen.

 

Welche bewunderst du? Wenn nicht Bewunderung, wie würdest du das Gefühl beschreiben, das eine interessant angezogene Frau auf der Straße bei dir auslöst?

Ich freue mich über die Begegnung mit einem inspirierenden Menschen, der sich gerne als ganz spezielles Individuum präsentiert. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, mache ich  gerne ein Kompliment und frage, wo es denn bitte diese großartigen Schuhe/ Ohrringe/ Brille/ Ringelsocken gibt. Manchmal denke ich dann auch „Ohhh, was für ein schöner Mantel/ Hosenanzug/ Kleiderschnitt, sowas in der Art brauche ich auch!“ und schwups ist die Nähliste wieder um ein Stück länger geworden…

Immer wieder fein finde ich auch, dass Herr B. und ich uns gegenseitig auf Leute aufmerksam machen, die Dinge tragen, die dem anderen gefallen könnten. Wir müssen dringend wieder nach Berlin und Amsterdam!

Habt einen schönen Sonntag!

 

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4 replies »

  1. Nach Hiltrud würde ich mich ganz sicher auch umdrehen. Ältere Damen wie sie zeigen mir regelmäßig, dass beige kein Schicksal ist, dem man sich kampflos ergeben muss. Und auch, wenn das bei mir eh noch einige Jahrzehnte dauert, ist das irgendwie beruhigend, finde ich.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

  2. Deine Worte treffen es genau – man soll sich wohlfühlen können, in dem, was man trägt. Kleidung soll ja eine Hülle des eigenen Ichs sein und wenn das konsequent durchgezogen ist, fällt sie im Grunde gar nicht separat auf, sondern unterstreicht eben schon das eigentliche Ich. Wem das gelingt, der hat den Wohlfühl- und Stilfaktor perfekt erreicht. Vorbilder? Kann ich jetzt nicht namentlich benennen, Schauspieler und Co. zählen für mich eigentlich nicht mit, weil sie in ihren Filmen (und auf dem roten Teppich, wie vielleicht sogar beim Einkaufen) Rollen verkörpern, für die sie sich nicht unbedingt selbst eingekleidet haben. Und im wahren Leben sehe ich sie ja nicht. Dein Hiltrud-Typ begeistert mich, ich mag es nämlich auch nicht, wenn sich gerade ältere Menschen gehen lassen und glauben, ihr Äußeres sei nicht mehr wichtig usw.
    Danke für den Anstoß, dass ich mir Gedanken darüber machen werde, was Stil eigentlich für mich bedeutet.
    Herzensgrüße ♥ Anni

  3. Habe ich heute gern gelesen. Ja. Der Wohlfühlfaktor ist sehr wichtig. Und ja auch das Gefühl over- oder underdressed zu sein… Sehr interessant und stimmig. Besxhäftige mich auch immer mehr damit. Ja, in der Grossstadt gibt es mehr davon, aber eibe Kleinstadt hat 20.000 Einwohner aber Berlin ca 4 Mio. Einwohner also ein ungleich Vielfaches. 200fach…

  4. Deine Hiltrud würde mir auch sehr gefallen! Hier in Mannheim gibt es sehr viele ältere Damen mit Stil. Für mich beinhaltet der Stil manchmal zu viel Pelz, aber man muss ihnen lassen das sie zumindest nicht langweilig grau in beige gekleidet sind.

Ich freue mich über deinen Kommentar!

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